Süßstoff anstatt Zucker- machen Süßungsmittel wirklich dick und krank?

Light ist „In“

Aktuelle Berechnungen zeigen, dass sich durch das Süßen von Kaffee oder Tee mit Süßstoff anstelle von Zucker jährlich 23.360 kcal einsparen lassen. Dieses entspricht einer Fettgewebsmasse von  3 kg. Zumindest rein theoretisch. Light-Produkte wie Coke Zero oder Joghurt mit 0,1 % Fettgehalt sind „In“ und in aller Munde, denn es heißt ja schließlich „du darfst“. Seit der zufälligen Entdeckung des ersten Süßstoffes Sacharin  im Jahr 1879 ist um die Süßstoffe eine bitter-süße Debatte entfacht, welche bis heute anhält. Die Wissenschaft ist sich nicht einig: Fördern Süßstoffe das Abnehmen oder Zunehmen?

Wo sind Süßstoffe enthalten?

Süßstoffe sind aus unserer Nahrung kaum wegzudenken und kommen bei nichtalkoholischen Getränken, Dessertspeisen und Süßwaren (Marmelade, Obstkonserven, Soßen) sowie Nahrungsergänzungen (Sirup, Kautabletten) zum Einsatz. In diätischen Produkten mit vermindertem Brennwert und bei Tafelsüßstoff sind sie die wichtigste Grundlage. Die Süßungsmittel werden keineswegs unkontrolliert eingesetzt, da EU-Richtlinien eine Verwendung strikt regeln. Des Weiteren werden Süßungsmittel vor ihrer Zulassung genau auf gesundheitliche Unbedenklichkeit überprüft. In der jüngsten Verordnung 2010/257/EG ist ein Programm zur Neubewertung zugelassener Lebensmittelzusatzstoffe aufgestellt.

Welche Süßstoffe gibt es?

Süßungsmittel sollen beim Abnehmen helfen, ohne uns dabei den Genuss bestimmter Lebensmittel zu verwehren und zu schaden. Ein großes Versprechen für Menschen, die schlank werden oder bleiben möchten. Derzeit gibt es elf zugelassene Süßstoffe in der Europäischen Union. Dazu zählen: Acesulfam K (E 950), Aspartam (E 951), Cyclamat (E 952), Saccharin (E 954), Sucralose (E 955), Thaumatin (E 957), Neohesperidin DC (E 959), Steviolglycoside (auch bekannt als “Stevia”, E 960), Neotam (E 961), Aspartam-Acesulfamsalz (E 962) und Advantam (E 969). Alle Süßstoffe gehören zu den Lebensmittelzusatzstoffen und sind natürliche Verbindungen oder werden synthetisch hergestellt. Eine  Kennzeichnung der mit Süßstoff hergestellten Produkte ist EU-weit geregelt und bedarf zudem eine Auflistung im Zutatenverzeichnis.

Vorteile

Süßstoffe sollen die geschmackliche Qualität von zuckerfreien oder energiereduzierten Lebensmitteln verbessern, welches aufgrund der vielfach höheren Süßungskraft im Vergleich zu Zucker sehr gut umsetzbar ist. So hat Cyclamat beispielsweise eine 40-mal höhere Süßungskraft und Neotam eine bis zu 13.000-fache.

Aufgrund dieser Tatsache werden nur Mengen im Milligramm Bereich benötigt, um denselben Süßungsgrad wie Zucker zu erreichen.  Dieses bleibt nicht der einzige Vorteil, den Süßungsmittel haben.   Sie sind praktisch kalorienfrei und eignen sich somit als ein beliebtes Mittel im Rahmen der Gewichtsreduktion, da sie die Energiedichte in Lebensmitteln reduzieren und der Konsument nicht auf einen süßen Geschmack verzichten muss. Insbesondere Getränke, welche mit Zucker versehen sind und womöglich zu einem Übergewichtsproblem beitragen,  können weiterhin konsumiert werden. Im Gegenteil zu Zucker sind Süßstoffe nicht kariogen und lösen kaum eine Reaktion auf den Blutzuckerspiegel aus.

Nachteile

Gegenstand vieler Studien ist seither die Frage nach der Energiekompensation und den Auswirkungen auf das Körpergewicht. Es besteht die Möglichkeit, dass die eingesparte Energie süßstoffversetzter Lebensmittel eine erhöhte Energieaufnahme bei folgenden Mahlzeiten begünstige, sodass durch diesen Kompensationsmechanismus tatsächlich keine  Energieeinsparung erfolge. Über die Jahre hinweg haben Süßstoffe in der Forschung viele Diskussionen ausgelöst und für negative Schlagzeilen gesorgt. Die Behauptungen reichen von „Verursacher für Verdauungsprobleme und Kopfschmerzen“ bis hin zu „krebserregend“ und „darmschädigend“.  Im Folgenden betrachten wir diesbezüglich bedeutende wissenschaftliche Versuche.

Wissenschaftliche Studien

Die Weizmann Studie „Artificial sweeteners induce glucose intolerance by altering the gut microbiota“ von 2014 veröffentlichte den Befund, dass Süßstoffe die Zusammensetzung der Mikroorganismen in der Darmflora ändern und die Ausbreitung der kohlenhydratzersetzenden Mikroorganismen fördern, welche die Zuckeraufnahme in den Organismus beschleunigen. Als Folge dessen könnte eine Glukoseintoleranz entstehen, welche zu Diabetes Typ 2 führen kann. Außerdem wurde die Bildung von kurzkettigen Fettsäuren durch die Bakterien erhöht. Für die Durchführung des Experiments versetzten Forscher das Trinkwasser von normalgewichtigen sowie übergewichtigen Versuchstieren 11 Wochen lang mit Saccharin und Sucralose. Anschließend führten sie einen oralen Glucosebelastungstest durch und beobachteten bei allen Tieren einen höheren Anstieg der Glucosewerte als in der Vergleichsgruppe mit Zucker (Glukose und Saccharose). Gegenstimmen behaupten, dass der Versuch keine Praxisrelevanz hat, da er ausschließlich auf Tierversuchen und 7 Probanden ähnlicher Altersgruppe basiert und wissenschaftlich nicht akzeptabel ist, um daraus weitreichende Schlüsse zu ziehen. Des Weiteren unterscheiden sich die Stoffwechselvorgänge von Maus und Mensch und   Versuchsanordnung vor allem in Hinblick auf die verabreichte  Verzehrmenge wäre nicht auf einen Menschen übertragbar.

In der neueren US Studie „The Influence of Sugar and Artificial Sweeteners on Vascular Health during the Onset and Progression of Diabetes“ von 2018 fanden die Forscher heraus, dass die Blutgefäße und der Fettstoffwechsel sich nach dem Genuss von Süßstoffen verändern. In den Versuchen erhielt eine Gruppe Ratten über 3 Wochen hinweg Glucose, eine andere die Süßstoffe Aspartam und Acesulfam. Im untersuchten Blut gab es bedeutende Unterschiede bei bestimmten Typen von Fetten und Aminosäuren. Bei der Süßstoff-Testgruppe sammelte sich sogar Acesulfam an, welches die Endothelzellen schädigen könnte. Auch bei dieser Versuchsreihe wurden nur 2 Süßstoffe an Tieren getestet. Eine Durchführung ist auch hierbei nicht direkt auf den Menschen übertragbar. Nach Angaben der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA werden Aspartam und seine Abbauprodukte seit 30 Jahren untersucht. Auch Acesulfam ist seit Jahren zugelassen. Ein Konsum in derzeit durchschnittlich aufgenommenen Mengen ist für den Menschen unbedenklich.

Eine weitere Studie zum Thema Aspartam zeigt anhand von insgesamt 16 Interventionsstudien (2006, A. de la Hunty et al) in Meta-Analysen die Evidenz für die Wirkung von Aspartam auf das Körpergewicht und die Energieaufnahme. Die Studie verdeutlicht, dass der Konsum Aspartam gesüßter Lebensmittel ein effektiver Weg zur Gewichtsabnahme ist. Die Ergebnisse belegen bei einer täglichen Energieaufnahme von 2221 kcal ein Kaloriendefizit von 222 kcal pro Tag im Vergleich zu Zucker. Dieses macht umgerechnet einen Gewichtsverlust von 0,2 kg pro Woche aus.

ADI-Werte

Richtwerte für eine akzeptable tägliche Aufnahmemenge werden aus den ADI-Werten hergeleitet (Acceptable Daily Intake). Auf Basis von langläufigen Tierexperimenten wurde zu den Süßstoffen eine Dosis untersucht, bis zu der keine unerwünschten Wirkungen auftreten (No-Observed-Adverse-Effect-Level, NOAEL). Diese wird durch einen Sicherheitsfaktor (normalerweise 100) geteilt. Das Ergebnis ist ein ADI-Wert in mg/kg Körpergewicht, welcher die Menge der täglich lebenslang aufgenommenen Menge ohne unerwünschte Wirkung definiert. Es ist tolerabel, wenn dieser Wert gelegentlich überschritten wird. Eine tägliche Obergrenze von Aspartam beträgt 40mg/kg Körpergewicht.

Kein Freifahrtschein

Ob das in Mode gekommene natürliche Stevia oder klassischerweise Aspartam-wie auch für Zucker gilt, dass Süßstoffe mit Bedacht und in Maßen konsumiert werden sollten. Da vor allem Getränke viel Zucker enthalten, ist eine Substitution mit Süßstoff hierbei sinnvoll. Fakt ist, dass man Süßstoffe nicht noch zusätzlich zu einer zuckerreichen Ernährung konsumieren sollte und sie keineswegs als Freifahrtschein betrachtet, um größere Nahrungsmengen aufzunehmen. Süßstoffe können den Blutzuckerspiegel kontrollieren, Karies vorbeugen und bei bewusstem Einsatz die Gewichtskontrolle unterstützen. Am besten für Gesundheit und Gewicht wäre es allerdings, sowohl auf Zucker als auch auf Süßstoff weitestgehend zu verzichten und auf einen gesunden Lebensstil mit ausgewogener Ernährung umzustellen.

Quellenverzeichnis

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